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Immer diese Science Fiction!

 


Die Science Fiction, SCiFi oder Science-Fiction hat nicht nur unterschiedliche Schreibweisen im Deutschen (die Bürger unserer schönen Republik wissen nicht, wie sie mit englischen Begriffen umgehen sollen), sondern kann auch die unterschiedlichsten Geschichten erzählen. Seit Jules Verne das Genre in Europa quasi "erfunden" hat und zahlreiche andere brillante Autoren wie Isaac Asimov, Philip K. Dick oder Stanislaw Lem Beiträge zum Genre und allgemein zur Literatur geliefert haben, erfreuen sich Geschichten von einer fiktiven Zukunft, Weltraumreisen und alternativen Zeitabläufen und Gesellschaftsformen einer ungeheuren Popularität. Wie in der Fantasy kann eine Person, die eine Science Fiction-Geschichte schreibt, immer wieder das Unbekannte oder das technologisch Überlegene einbringen, ohne dass es unlogisch wird.

 


Doch angesichts der tausenden von Autoren, die sich zur SF bekennen, fällt es schwer, in diesem literarischen und (pseudo-)wissenschaftlichen Dschungel aus Überlichtgeschwindigkeitsflügen und Zeitreisen den Durchblick zu behalten: Der hohe Bekanntheitsgrad, den viele Autoren genießen, verhilft dem Genre allgemein nicht gerade zu Vorzeigeliteratur, die man lesen kann, ohne sich schämen zu müssen; wie in der Fantasy-Sparte wimmelt es auch in der SF von schlechten Genre-Beiträgen. Hier das Gute vom Schlechten zu trennen, ist oft nicht möglich, und nur wenige wissen, wo sie zuverlässige Kritiken lesen können.

 


Ich als SciFi-Leser behaupte, dass ich Ahnung vom Genre habe. Ich habe die Bücher Asimovs, Vernes, Dicks, Lems, Strugatzkis, Sagans und anderer bekannter Genre-Größen gelesen, um hinreichend zu erkennen, wann ein Buch auf allgemeines (Genre)Interesse stoßen könnte. Folgende kleine Buchvorstellung ist deshalb ein Geheimtipp an jeden SciFi-Fan.

 


Die Rede ist vom amerikanischen Autor Charles Stross und seinen zwei Romanen Singularity und Iron Sunrise. Beide Bücher habe ich dieses voller Freude gelesen und mich gewundert, dass es auch noch gute moderne Science Fiction gibt.

 


Eins vorneweg: Charles Stross erfindet das Genre nicht neu mit seinen zwei Büchern, die aufeinander aufbauen, doch er geht geschickt mit den Gegebenheiten des Genre um und bringt etwas, dass sich frisch anfühlt.

 

 

 

 

 

 

Worum was geht es eigentlich?

 


Es wäre durchaus hilfreich, diese Bücher nicht nur anzupreisen, sondern auch zu beschreiben, worum es in diesen Werken geht.

 


Die Menschheit hat ihr technologisches Teenager-Zeitalter überwunden und befindet sich dabei, das Sonnensystem zu erobern. In einer Zeit, in der Mineralabbau auf den Mondes des Saturn oder Antimaterie-Gewinnung im Magnetfeld des Gasgiganten Jupiter keine Besonderheit mehr darstellt, experimentiert die Menschheit mit dem physikalisch scheinbar Unmöglichem: Überlichtgeschwindigkeitsreisen.

 


Doch rufen die wissenschaftlichen Experimente der Menschheit eine Entität auf den Plan, mit der niemand gerechnet hat: Bevor es zu ernsthaften Kausalitätsverletzungen kommen kann, erscheint das Eschaton auf der Bildfläche. Diese unbekannte Macht verstreut die Menschen in alle Winkel der Galaxis. Dieses einschneidende Ereignis ist fortan als Singularität bekannt, denn die hunderte von Planeten, die von den Menschen unfreiwillig "besiedelt" wurden, treten untereinander erst nach Jahrzehnten in Kontakt, nachdem sich die jeweilige Population erholt hat.

 


Das Eschaton hinterlässt auf jeder Welt ein Mahnmal für die Menschen, das fortan immer an die Singularität erinnern soll. Auf einem großen diamantenen Block auf jeder von Menschen besiedelter Welt sind folgende Buchstaben eingraviert:

 


I am the Eschaton. I am not your God.
I am descended from you, and exist in your future.
Thou shalt not violate causality within my historic light cone. Or else.

 


Singularity, der erste Teil, spielt auf dem Planeten Rochards Welt, der wiederum ein Teil der Neuen Republik ist, einem gesellschaftlichen System, dass der Sowjetunion nicht ganz unähnlich ist. Auf dem Planeten regnet es eines Tages Telefone vom Himmel. Sobald jemand das Telefon abnimmt, meldet sich eine Stimme - das Festival - und verlangt, dass ihnen eine Geschichte erzählt wird. Das Festival verspricht Veränderung, denn sobald jemand eine Geschichte erzählt, werden ihm diverse Wünsche erfüllt.

 


Der erzkonservativen Regierung von Rochards Welt, die den Lebensstandard der Bevölkerung absichtlich so begrenzt, dass er dem des ausgehenden europäischen 19. Jahrhunderts ähnelt, gefällt das gar nicht. Sie versuchen, durch Zeitmanipulation die Entstehung des Festivals zu verhindern, denn die Regierung interpretiert das Erscheinen des Festivals als einen Angriff auf ihren Planeten.

 


Da Zeitreisen eine Kausalitätsverletzung darstellen und so die Geschichte geändert würde, ruft dies natürlich das Eschaton auf den Plan, dessen menschlicher Agent Martin die Pläne der neurepublikanischen Regierung verhindern soll. Zusammen mit Rachel, einer Agentin von der Alten Erde, der eigentlichen Wiege der Menschheit, nehmen sie ungeheure Bemühungen auf sich, um die Ambitionen der Neuen Republik zunichte zu machen.

 


Iron Sunrise (im Deutschen: Supernova) ist die direkte Fortsetzung des Erstlings und spielt wiederum auf einem anderen Planeten, einer Raumstation und einem Raumschiff. Der Planet Moskau wird von einer Supernova zerstört, die nicht einmal das allwissende Eschaton voraussehen konnte. Beginnend bei der Supernova werden die vielen verschiedenen Handlungsstränge der Figuren - etwa einer Teenagerin, die zur Agentin des Eschaton ausgebildet wird, einem Zeitungsreporter der Times oder einer Schiffsoffizierin - zusammengeworfen; sie alle versuchen, nicht nur die Gründe für die Explosion des Sterns herauszufinden, sondern auch einer Mordserie auf die Spur zu kommen. Auch in diesem Buch werden gesellschaftliche Phänomene, die sich auf den Planeten entwickeln, als Anlaufpunkt für fantastische Abenteuer und die Stross'sche Ironie benutzt.

 

 

 

Einfalls- und Ideenreichtum

 


Nicht alle Autoren, die sich zur SF bekennen, zeichnen sich durch Ideenreichtum aus. Doch Stross' Geschichte von fremden Mächten und nur allzu menschlichen Ambitionen, kombiniert mit einer durchweg sarkastischen, distanzierenden und beißend trockenen Schreibweise machen beide Romane zu etwas Besonderem.

 


Einfallsreich sind die Romane, wenn plötzlich Telefone vom Himmel regnen oder Stross das Festival beschreibt: Dieser nach Informationen gierende Komplex ist die völlige Antithese der neurepblikanischen Regierung in Singularity. Es stehen sich zwei extreme gesellschaftliche Systeme gegenüber: Eines, das die Menschen begrenzt, indem es Ressourcen und Zugang zu Informationen kontrolliert und künstlich verknappt, das andere, das freien Zugang zu jeglicher Art von Informationen garantiert und für Veränderungen steht, denn überall dort, wo das Festival aktiv war, haben sich grundlegende gesellschaftliche Veränderungen manifestiert.

 


Charles Stross zieht unverhohlen über extreme politische und militärische Phänomene wie den Kommunismus und den Faschismus her: Wenn etwa die Regierung der Neuen Republik auf Rochards Welt den Menschen Verjüngungskuren (diese garantieren ein nahezu ewiges Leben, sofern sie alle zwei Jahrzehnte durchgeführt werden) untersagt, aber zur gleichen Zeit einen kolossalen Schlachtkreuzer besitzt, der ein Schwarzes Loch zur überlichtschnellen Reise in seinem Bauch hat, trieft das geradezu vor Ironie.

 


Hinzu kommt, dass der von vielen anderen Rezensenten kritisierte metaphern- und handlungsarme Schreibstil genau das wiedergibt, was Stross erreichen will: Den fantastischen, nicht unbedingt revolutionär neuen Ideen des Autors, z.B. Maschinen, Füllhörner genannt, die auf Wunsch alles produzieren können, oder Implantate, die Nachtsicht erlauben, setzt er seinen trockenen Schreibstil entgegen. Die Menschen der Neuen Republik verweigern sich der Technik und sind in einem totalitären System gefangen - zwar ist das auch gefährlich und unterdrückt die Menschen, doch die Beschreibung immer gleicher Befehlsabläufe und Konversationen z.B. zwischen den beliebig ersetzbaren Figuren der neurepublikanischen Marine wirft ein äußerst sarkastisches Licht auf diese gesellschaftliche Institution. Spätestens dann, wenn Stross von einem uralten Militärangehörigen, dem obersten Befehlshaber des Planeten Rochards Welt, berichtet, der so senil ist, dass er während langer Reden einschläft und ihn seine Untergebenen wecken müssen, sprühen die Funken der Ironie aus diesem Buch.

 


Es sei aber gleich gesagt: Der nüchterne, trockene Erzählstil und die recht handlungsarme Geschichte ist nicht jedermanns Sache. Es kann durchaus langweilig werden, wenn man sich nicht auf die erzählte Welt einlassen kann und auf eine "typische" SciFi-Opera hofft, in welcher Kriege im Vordergrund stehen. Zwar gibt es auch hier Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Planeten, doch spiegeln sich diese eher in den jeweiligen Kulturen wider als in tatsächlichen Kämpfen oder Schlachten.

 


Charles Stross erfindet das Rad der SF nicht neu, erschafft aber einen Roman, der vor Authentizität, Intelligenz und Ironie nur so strotzt. Wer sich darauf einlässt, wird viel Freude an der Geschichte haben.

 


Und hey - eine Lanze muss ich noch für das zweite Buch, Iron Sunrise, brechen: Welches Buch beginnt schon mit einer Supernova?


Tags:

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